Start Info Community Spielen
 
 

Fremdenführer nach Neskaya

- von Mindblade -

oder warum nicht nur Post über die Kilghards transportiert werden sollte …

Eines Tages befahl mich unser Kommandeur zu sich zu einer Dienstbesprechung. Zunächst ging ich davon aus, es handle sich wieder um kleinere Auseinandersetzungen zwischen ein paar jungen Draufgängern in der Ausbildung. Es kam häufiger vor, dass mich unser Kommandeur damit beauftragte, mir für solche Störenfriede doch eine passende Beschäftigung auszudenken, um ihrem Kampfdrang Einhalt zu gebieten.

Ich war doch etwas erstaunt, als ich erfuhr, was unser Kommandeur mit mir vorhatte. Es handle sich um eine Sache, die keinen Aufschub dulden würde, sagte er mir. Wichtiger Nachschub aus Neskaya sei nicht angekommen, schon seit einigen Monaten würden auf dem Weg über die Kilghards seltsame Dinge geschehen. Der Kommandeur gab mir einen Brief mit dem Stadtsiegel von Neskaya, den ich aufmerksam studierte. Der Verfasser des Briefes, der einzig noch übrig gebliebene Postbeamte in Neskaya, schrieb in verzweifeltem Tonfall, er könne nicht mehr für den reibungslosen Paketverkehr garantieren, da ihm die Leute wegliefen. Einige Ungeheuer würden den Pass zu einer Todesfalle machen, schrieb er weiter.

Ich blickte den Kommandeur an und sah auf seinem kampfgezeichneten Gesicht einen Ausdruck tiefer Besorgnis. Er gab mir den Befehl, diese Gefahr für unser Struv zu beseitigen und mich in Neskaya genaustens umzuschauen, damit er sich einen Eindruck über die dortigen Zustände machen könne. Neskaya sei ein wichtiger Außenposten und der Nachschub (welcher Art dieser Nachschub war, verschwieg er mir allerdings) wäre überlebenswichtig. Bevor ich mich auf den Weg machte, zog ich noch einen alten Kämpferveteran zu Rate, was mich wohl erwarten würde auf dem Weg zur Stadt Neskaya. Mein ergrauter Zwergenfreund riet mir zur Vorsicht, ein Pass sei auf dem Weg und schon manch unerfahrener Abenteurer sei dort elendig erfroren. Ein jedes Körperteil solle bedeckt sein, meinte er, und ich tat, was er mir riet. Er warnte mich außerdem noch vor einer Gefahr, die mir begegnen könne auf dem Weg über die Kilghards. Gerüchten zufolge sollten auf dem Weg dorthin Ungeheuer ihr Unwesen treiben.

Auf seine Weisheit vertrauend zog ich los – bis an die Zähne bewaffnet, gekleidet, den härtesten Winter zu überstehen. Meine Reise in die Polarregion war lang und nur selten wurde meine Laune durch einen kleinen Kampf gebessert. So meinte denn ein einsamer Krieger, mich meiner Habe zu berauben. Schnell und nur etwas schmerzhaft für ihn, hatte ich ihn vom Gegenteil überzeugt. Sein Speer leistete mir in späteren Zeiten noch recht gute Dienste. Nach dieser doch unerfreulichen Reise erreichte ich schließlich die Kilghards. Mühsam erklomm ich einige Berge, um den Pass mitten in einem Chaos aus Wind und Schnee vorzufinden. Dank sei meinem Zwergenfreund, der mir zur passenden Kleidung geraten, denn ohne sie hätte ich schnell den Tod gefunden. Nur meiner Ausdauer ward es schließlich zu verdanken, dass ich das Ende des Passes erreichte, denn durch Schnee und Wind verlor ich schnell die Orientierung. Auf der anderen Seite des Passes angekommen, erschöpft und schlechter Laune, suchte ich den Weg in die Stadt, um dort bei einem Gelage mein Gemüt zu beruhigen. Doch als ich eintraf in der Schenke, wollte ich meinem Aug nicht trauen, welch traurige Figuren saßen da am Tisch und bei den Göttern, so schlecht wie dort hab ich niemals mehr getrunken. Wenn ich nicht schon schlechten Gemütes gewesen wäre, spätestens dann hätte sich mein Groll geregt.

Den Befehl des Kommandeurs noch gut im Ohr, beruhigte ich mich und erkundete die Stadt. So gelangte ich denn im Südosten der Stadt zu einer Schmiede, genau der Ort, um meine Waffen wieder mal in kundige Hände zu geben. Doch als ich den Schmied mit seinem Hammer meine geliebten Waffen verunstalten sah und er dreist wie ein Bauer noch einen horrenden Preis verlangte, ging meine schlechte Laune mit mir durch. Eine Lektion erteilte ich ihm, die Trina zu Ehre gereicht hätte. Doch was am meisten mich schockierte war, dass er sich einen Kämpfer schimpfte. Im Struv sollte er gewesen sein, doch angesichts seiner miserablen Kräfte ward er wohl eher ein Bierknecht, denn mehr als seinen Hammer zu schwenken wie einen Krug, brachte er nicht zustande. Nachdem er sein Leben und ich meine schlechte Laune verloren hatte, drang ich weiter in die Stadt vor.

Ein Krächzen und Kreischen von Vögeln lenkte meiner Aufmerksamkeit dann auf das Heim eines Falkners. Freundlich aber bestimmt ersuchte ich den Herrn, mich in seinem Heim doch umschauen zu dürfen. Doch der Falkner hetzte sogleich sein Vogelvieh auf mich, nunja es war ein kurzer Kampf, das größte Problem war, seine doch sehr nützliche Kleidung von seinem Blute und den Federn seiner Vögel zu befreien.

Ich setze meinen Weg fort und traf schließlich auf den Anführer der Stadtwache, den der Kommandeur mir beschrieben hatte. Ich fragte ihn sogleich, warum der Nachschub aus Neskaya ins Stocken geraten wäre, doch er winkte nur ab.

Seine einzige Antwort war, ich solle doch mit dem Postbeamten reden, denn der wisse Genaueres. Ich wollte mich sogleich auf den Weg machen, doch da hielt er mich am Arme fest und erzählte mit panikhaftem Glanz in seinen Augen, dass viele seiner Garde gestorben seien, als sie versuchten, einen Dolch zurückzuholen. „Einen Dolch?“, fragte ich erstaunt. Er bat mich, die Ungeheuer zu beseitigen, die den Dolch angeblich bei sich trügen. Meine schlechte Laune kehrte zurück, denn warum konnte eine Stadt mit so vielen Wächtern nicht in der Lage sein, ein paar kleine Schmusekatzen zu beseitigen?

Nun gut, unser Kommandeur sagte, er hielte viel vom jenem Offizier, also machte ich mich auf den Weg zurück zum Pass. Dort ganz in der Nähe fand ich denn ein ganzes Rudel dieser Tiere. Nun, ich muss zugeben, ein paar Blessuren trug ich schon davon, denn die Zähnchen dieser Tiere durchdrangen so manches Mal mein Lederzeugs. Doch schließlich erinnerte ich mich doch an einige Lektionen, die ich im Struv erlernt hatte und mit ein wenig taktischem Geschick erlangte ich schließlich den Sieg. Den seltsamen Dolch fand ich denn, er ward mehr zur Zierde da, als im Kampfe zu gebrauchen. Da fragt man sich doch, warum ein Schmied, der was von seinem Handwerke versteht, sich zu so einer Arbeit überreden ließ.

Kurzerhand kehrte ich in die Stadt zurück und schenkte dem Offizier den Dolch. Mit Münzen wollte er mich zum Schweigen bringen, ihm versprechen sollte ich, niemals davon zu erzählen, dass ich geschafft hatte, was seine Wachen nicht zu Stande gebracht hatten. Um meiner Ehre gerecht zu werden, erschlug ich ihn und seine drei Begleiter. Stadtwächter schimpften sie sich, nun wenn jede Stadt so schlecht bewacht würde, könnte man auch gleich bei den Bauern auf dem Land wohnen. Wie sollte ich das bloß Brieseltrim erklären, dass ich wieder einmal meinen Zorn nicht bremsen konnte. Allzuviele Sorgen machte ich mir jedoch nicht, denn wenn er eins nicht leiden konnte, war es Feigheit und Betrug.

Im Südosten der Stadt entdeckte ich dann endlich das kleine Postamt, wo der Beamte mir sogleich mit weinerlicher Stimme berichtete, dass er keine Leute finden würde, die freiwillig Paketpost über den Pass transportieren wollten. Ungeheuer, Banshees genannt, sollten dort ihr Unwesen treiben. Mein guter Zwergenfreund hatte mich also nicht zum Narren gehalten. Ich wolle mich darum kümmern, versprach ich, und einen Beweis würde ich ihm auch bringen, dass der Paß wieder sicher zu überqueren sei, wenn ich zurückkehrte.

Und ein weiteres Mal ließ ich die seltsame Stadt hinter mir, nicht gerade unglücklich, denn viel zu bieten hatte sie ja nicht gerade. Mir sehnte nach dem Struv, den wilden Feiern und hübschen Frauen. Nicht solche Frauen, die beim kleinsten Anzeichen von Gefahr gleich einer Ohnmacht nahe sind. Voller Freude erinnerte ich mich daran, wie Kriegerinnen des Struvs laut gröhlend nach einem wahrhaft wilden Gelage die Stadt durchstreiften. Herzlich mussten wir lachen, als ein Wächter der Garde sie anhielt, doch die allgemeine Ruhe nicht zu stören. Nachdem er von ihnen Prügel bezogen hatte, musste ich doch eingestehen, dass ich ein wenig Mitleid mit ihm hatte. Achja, aber ich schweife ab …

Ich zog also los, den Pass zu sichern. Ich stapfte wieder einmal durch den Schnee und überlegte, wie ich wohl am besten diesem Ungeheuer beikommen würde. Um der eisigen Kälte zu entgehen, grub ich mich schließlich in den Schnee ein und wartete … Als ich schon anfing, das Gerücht als Lüge zu bezeichnen, erschien das Ungeheuer wie aus dem Nichts. Kampfbereit verließ ich meine Deckung und stürzte mich in den Kampf. Wie sich herausstellte, besaß das Tier eine zähe Haut, nur gut, dass mein Waffengürtel auch noch einen Speer enthielt, dessen ätzende Spitze die Haut des Ungetüms mit Leichtigkeit durchdrang. Als es dann endlich tot zu Boden sackte, betrachtete ich die Haut genau. Robust wie sie war, dachte ich mir, würde sie bestimmt eine nützliche Rüstung abgeben. Ich häutete das Ungetüm und schnitt die Haut zurecht. Wirklich eine nützliche Sache, so eine zweite Haut! Als Beweis für den Tod des Ungetüms schnitt ich ihm noch eine Klaue ab und machte mich auf den Weg zurück zur Stadt.

Freudestrahlend wurde ich vom Postbeamten empfangen und als ich ihm die Klaue zeigte, versicherte er mir ewige Dankbarkeit. Nachdem ich auch diese Aufgabe zu meiner Zufriedenheit erledigt hatte, wollte ich mich schon auf den Heimweg machen, um mit meinen Kampfgefährten endlich wieder ein Gelage zu feiern, das seinen Namen verdient hätte, als mir ein Turm auffiel, der im Südwesten der Stadt emporagte. Ein letzes Ziel dachte ich mir und machte mich auf, ihn zu erkunden.

Schon der Eingang gab mir ein Rätsel auf. Mit roher Gewalt versuchte ich vergeblich, in den Turm zu gelangen. Der Zug an einer Kette schließlich, es wird wohl wieder teuflischer, magischer Kram dahinter gesteckt haben, ließ mich in den Turm gelangen. Dort traf ich auf ein Weib, Leronis nannte sie sich, eine alte Hexe, die ihren magischen Kram mit Vehemenz verteidigte. Es kostete mich schon einige Müh, sie zu überwinden, denn sie versuchte mich mit magischen Kräften zu lähmen und zwang mich, mich meiner Waffen zu entledigen. Doch ein wahrer Kämpfer lässt sich durch solchen Kinderkram natürlich nicht beeindrucken, so zeigte ich ihr, was Kampfgeist ist. In dem, was von ihr übrig ward, fand ich schließlich zwei Kristalle, die sich zwar als magisch, aber nichts desto trotz als nützlich erwiesen. Verbanden sie doch die Gedanken derjenigen, die sie besitzen, so waren sie gerade dann von Nutzen, wenn andere Zeichen zu verräterisch waren.

Als dann ließ ich den Turm, die Stadt und auch den verschneiten Pass hinter mir und gelangte nach einiger Zeit zurück ins Struv. Endlich daheim und wieder mit Freunden vereint, feierten wir nächtelang und bei Struv und Schnaps waren all die Strapazen, das schlechte Bier und die Kämpfe schnell vergessen.

Mögen die, die jemals nach Neskaya kommen, sich diesen Bericht zu Herzen nehmen.

Sauft wohl, kämpft gut,

Mindblade

YOUTUBE | FACEBOOK | TWITTER | DISCORD | FEEDBACK | IMPRESSUM | DATENSCHUTZ 1992–2023 © MorgenGrauen.